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„Nah dran am operativen Geschäft“: Interview mit dem Chefjuristen von ProSiebenSat.1

ProSiebenSat.1 hat sich von einer klassischen Fernsehanstalt in ein modernes Medienhaus verwandelt. Mit ­seiner Beteiligung an digitalen Geschäftsmodellen macht es sich fit für die Zukunft. Das stellt auch die Inhousejuristen vor neue Herausforderungen. Chefjurist Alexander von Voß ­erklärt, warum das Arbeiten in dem Konzern, der rund zehn ­Jahre in Private-Equity-Hand war, besonders ist.

azur: Sendungen wie ‚Germany’s Next Topmodell‘ und ‚Joko gegen Klaas‘ sorgen bei ProSiebenSat.1 für hohe Einschaltquoten. Doch das klassische Fernsehgeschäft verliert in Zeiten von Netflix und Amazon Prime an Bedeutung. Wie reagiert Ihr Konzern darauf?

Alexander von Voß: Werbefinanziertes Free-TV ist weiterhin unser Kerngeschäft. Neue Technologien und die steigende Internetnutzung haben allerdings das Mediennutzungsverhalten stark beeinflusst, weshalb wir unser klassisches Geschäft in den vergangenen Jahren diversifiziert haben. Wir vernetzen unseren TV-Bereich konsequent mit dem Digitalgeschäft und haben durch die entstehenden Synergien zusätzliches Wachstum angestoßen. Gleichzeitig haben wir in allen Unternehmensbereichen neue Geschäftsmodelle etabliert.

Welche Geschäftsmodelle sind das?

Wir haben beispielsweise ein breites Digital-Entertainment- und Commerce-Portfolio mit starken Marken aufgebaut. Dazu zählen unser Video-on-Demand-Portal maxdome sowie unser Multi-Channel-Netzwerk Studio71. 2010 haben wir unsere Investitionsmodelle ‚Media-for-Revenue-Share‘ und ‚Media-for-Equity‘ eingeführt, mit denen wir unsere TV-Reichweite als Investitionswährung einsetzen.

Wie genau funktioniert das?

Bei den beiden Modellen vergeben wir freie TV-Werbeplätze gegen eine Umsatz- oder Unternehmensbeteiligung. Unser Fokus liegt hier auf Unternehmen, die eine klare TV-Affinität haben, sich also gut über TV-Werbung vermarkten lassen. Für diese Beteiligungen haben wir eine eigene Gesellschaft gegründet, die SevenVentures GmbH. Damit erschließt sich auch für Juristen ein völlig neues Tätigkeitsfeld.

Wie sieht dieses neue Tätigkeitsfeld aus?

Da die ProSiebenSat.1 Group im Zuge ihrer Wachstumsstrategie mehr Akquisitionen tätigt als früher, haben wir in den vergangenen Jahren zum Beispiel das Team ausgebaut, das in der Rechtsabteilung für M&A zuständig ist. Wir haben etwa ein eigenes Juristen-Team, das sich um die Verwaltung der Minderheitsbeteiligungen bei SevenVentures kümmert. Eine weitere Abteilung beschäftigt sich mit den Mehrheitsbeteiligungen unseres Konzerns, wie etwa dem Preisvergleichsportal Verivox oder der Online-Partnervermittlung Parship. Sollten die Unternehmen eigene Juristen haben, arbeiten wir selbstverständlich eng mit ihnen zusammen. Wir legen – wie übrigens im gesamten Konzern – großen Wert darauf, den freien Unternehmergeist der Beteiligungen nicht einzuschränken.

Wie gelingt dieser Spagat?

Indem wir verstehen, was Unternehmertum bedeutet. Das heißt, dass sich unsere Juristen mit den Geschäftsmodellen unserer Beteiligungen genau auseinandersetzen. Dazu gehört auch, sich regelmäßig mit den Geschäftsführern zu Strategie und Zielen auszutauschen. Das ist wichtig, damit wir zeitnah die richtigen rechtlichen Weichen stellen können, mit denen das Unternehmen langfristig erfolgreich sein kann.

Das Vorgehen entspricht Ihrem generellen Ansatz innerhalb der Rechtsabteilung, frühzeitig in die Vorgänge des operativen Geschäfts involviert zu sein.

Genau. Das gilt in gleichem Maße auch für unsere Juristen, die ihren Fokus auf dem klassischen Fernsehgeschäft haben. Sie sitzen frühzeitig mit den Redakteuren an einem Tisch und beraten sie zu rechtlichen Aspekten, die es vor der Veröffentlichung eines Formats zu klären gibt.

Wie hat sich die Arbeit der Rechtsabteilung im Allgemeinen verändert, seitdem ProSiebenSat.1 von einem klassischen TV-Haus zu einem digitalen TV-Haus wurde?

Mit der Transformation des Konzerns zu einem digitalen Medienhaus ist eine unglaubliche Schnelligkeit und Dynamik entstanden. Wir mussten uns in vielen Geschäftsbereichen neu ausrichten. Zum Beispiel brauchten wir verständliche Vertragsmuster und Vertragsstrukturen für Unternehmen, die bis dahin noch nie bei uns Werbung gebucht hatten. Das Ganze führte dazu, dass wir unsere Abteilung teilweise neu aufgestellt haben – auch um unsere Kreativität zu fördern. Gleichzeitig haben wir unser Team mit Kollegen vergrößert, die sich für die neuen Geschäftsfelder wie beispielsweise E-Commerce interessieren und sich in den Bereich einbringen möchten. Vor diesem Hintergrund haben wir auch unser Gehalts- und Bonussystem angepasst. Denn man kann nicht einfach nur mehr Leistung und Initiative von den Mitarbeitern verlangen, man muss auch die Vergütung an die gestiegenen Anforderungen anpassen. Das bedeutet Incentivierung über Gehalt und eine angemessene Beteiligung am Erfolg des Unternehmens, beispielsweise über ein Bonussystem.

Was verdient ein Berufseinsteiger in der Rechtsabteilung von ProSiebenSat.1?

Wir orientieren uns hier an den marktüblichen Standards, die nicht nur andere Rechtsabteilungen, sondern auch Kanzleien zahlen. Denn mit ihnen konkurrieren wir um die besten Talente.

Was müssen junge Juristen mitbringen, um bei ProSiebenSat.1 zu arbeiten?

Zum einen erwarten wir natürlich gute Qualifikationen. Zum anderen suchen wir Leute, deren Kenntnisse und Interesse nicht bei Jura aufhören. Dazu gehört beispielsweise ein Verständnis für finanzwirtschaftliche Zusammenhänge. Ich muss als junger Jurist noch nicht wissen, wie eine Bilanz funktioniert. Aber ich muss bereit sein, es mir erklären zu lassen. Wir suchen Juristen, die selbst die Initiative ergreifen, in flachen Hierarchiestrukturen arbeiten möchten und komplexe juristische Fragestellungen in einfachen Worten darstellen können. Ich brauche jemanden, der dem Vorstand in drei bis vier Sätzen erklären kann, was ein Sachverhalt bedeutet. Dadurch unterscheiden wir uns schon mal von vielen Kanzleien. Wir begreifen uns hier als Teil der Wertschöpfungskette und sind in unserer täglichen Arbeit immer nah am operativen Geschäft.

Welche Anforderungen haben sie an Juristen, die sich schwerpunktmäßig mit der neuen digitalen Sparte des Konzerns beschäftigen wollen?

Wer bei uns im Bereich E-Commerce arbeiten möchte, sollte eine Affinität zu diesen Geschäftsmodellen mitbringen. Im Idealfall hat der Bewerber selbst schon einmal in einem Start-up gearbeitet oder weist ein Netzwerk in der digitalen Gründerszene auf. Auf jeden Fall muss er offen sein für diese dynamische Industrie, die von der stetigen Veränderung lebt.

Sie verlangen viel von Ihren Mitarbeitern. Was bieten Sie ihnen im Gegenzug?

Gerade erst haben wir die Entwicklungsmöglichkeiten in der Rechtsabteilung neu aufgestellt. Wir haben wir einen fairen, systematischen und transparenten Karriereweg namens „Fachkarriere Legal Counsel“ für den gesamten Bereich eingeführt. Zudem haben wir eine neue Position geschaffen: den Legal Director.

Was zeichnet den Legal Director aus?

Die Position des Legal Directors stellt eine gleichwertige Alternative zur Führungskräfte-Laufbahn in der Rechtsabteilung dar. Der Legal Director besitzt eine besondere fachliche Fähigkeit und trägt als Top-Experte die Verantwortung für einen bestimmten Fachbereich. Das kann zum Beispiel Datenschutz oder Lizenzrecht sein. Allerdings hat er keine disziplinarische Verantwortung, was ihn von der klassischen Führungskraft unterscheidet.

Wonach wird entschieden, welchem Mitarbeiter welche Position zusteht?

Wir entscheiden anhand klarer Kriterien. Dafür haben wir genau überlegt, welche fachlichen und persönlichen Voraussetzungen die Juristen für die einzelnen Karrierestufen mitbringen müssen und welche Weiterbildungsmöglichkeiten geeignet wären. Wir haben also einen sehr genauen Kriterienkatalog entwickelt und diesen in ein Konzept übertragen, mit dem wir jeden Mitarbeiter einstufen können. Was uns hierbei wichtig ist: Wir sind gegenüber unseren Mitarbeitern völlig transparent und offen.

Wie werden die Mitarbeiter konkret gefördert?

Jede einzelne Stufe der Fachkarriere bietet einen eigenen Entwicklungsplan. Einmal im Jahr setzen wir uns mit dem Mitarbeiter zusammen und besprechen, welche Voraussetzungen der Kollege für den nächsten Karriereschritt mitbringen muss. Wir klären aber auch, wie wir ihn dabei ganz konkret unterstützen können. Wir bieten etwa zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Präsentations- und Kommunikationstechnik  in unserer ProSiebenSat.1 Academy an. Hier lernen die Kollegen beispielsweise, wie sie komplexe Sachverhalte in verständlicher Art und Weise ausdrücken können.

Vor eineinhalb Jahren ist ProSiebenSat.1 in den Dax aufgestiegen. Dies war für die Rechtsabteilung neben der Einführung des neuen Karrierekonzepts sicher die größte Zensur innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Was hat sich damit für Ihr Team verändert?

Ein starkes Bewusstsein für den Bereich Compliance gibt es bei uns zwar schon immer – aber seit wir in den Dax aufgestiegen sind, ist das Thema noch relevanter geworden. Wir waren ja einige Jahre in der Hand von Private-Equity-Investoren, deshalb sind wir regelmäßige Reportings gewöhnt. Nach dem Dax-Aufstieg haben wir uns noch einmal intensiver mit den Regularien auseinander gesetzt, die jetzt für uns gelten,  da wir noch schneller auf aktuelle Rechtsentwicklungen reagieren müssen.

Was hat sich noch verändert?

Seit dem Aufstieg in den Dax stehen wir viel mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Die Rechtsabteilung bekommt daher vermehrt Rückfragen aus anderen Fachbereichen. Häufig handelt es sich dabei um Fragen zum Thema Vertraulichkeit, aber auch zu kapitalmarktrechtlichen Anforderungen.

Welche weiteren Veränderungen stehen bevor?

Nachdem wir in den vergangenen Jahren so stark gewachsen sind – auch durch Akquisitionen – fokussieren wir uns jetzt darauf, die verschiedenen Unternehmen und Geschäftsbereiche noch stärker miteinander zu vernetzen. Zudem wollen wir TV-Werbung für die Konsumenten noch relevanter gestalten. Eine Möglichkeit ist Addressable TV: Mit dieser neuen Werbeform können Unternehmen ihre Kunden über Internet-fähige Fernseher nicht nur schnell und effektiv, sondern auch zielgruppengenauer erreichen. In Zukunft wird auch der gesamte AdTech-Bereich immer wichtiger, da uns diese Techniken helfen, Werbung automatisiert und passgenauer einzubinden. In diese innovativen Bereiche wird ProSiebenSat.1 weiter investieren – und somit kommen auch auf die Rechtsabteilung neue Themen und Herausforderungen zu. Ich kann also versprechen: Langweilig wird es bei uns nicht.

 

Das Interview führte Christin Stender.

Quelle: azur Karrieremagazin 02/17 (www.azur-online.de)

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